Sozialgericht Trier – Beschluss vom 17.06.2024 – Az.: S 3 AY 103/24 ER

BESCHLUSS

In dem Rechtsstreit

xxx,

– Antragsteller –

Prozessbevollmächtigter:
Rechtsanwalt Sven Adam,
Lange Geismarstraße 55,
37073 Göttingen

gegen

Stadtverwaltung Trier,
vertreten durch den Oberbürgermeister,
Am Augustinerhof 3,
54290 Trier

– Antragsgegnerin –

hat die 3. Kammer des Sozialgerichts Trier am 17. Juni 2024 durch die Vizepräsidentin des Sozialgerichts xxx beschlossen:

1. Die Antragsgegnerin wird im Wege der einstweiligen Anordnung verpflichtet, dem Antragsteller für die Zeit ab dem 28.05.2024 bis zum 22.07.2024, längstens bis zur Entscheidung über den Widerspruch vom 28.05.2024, vorläufig höhere Leistungen nach Maßgabe von §§ 3, 3a AsylbLG zu erbringen. Der darüberhinausgehende Antrag wird abgelehnt.

2. Die Antragsgegnerin trägt die außergerichtlichen Kosten des Antragstellers.

3. Dem Antragsteller wird zur Wahrnehmung seiner Rechte in der ersten Instanz Prozesskostenhilfe unter Beiordnung von Rechtsanwalt Sven Adam, Göttingen, zu den Bedingungen eines im Bezirk des Sozialgerichts Trier ansässigen Rechtsanwalts bewilligt.

GRÜNDE
I.

Der Antragsteller begehrt im Wege des einstweiligen Rechtsschutzes höhere Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG).

Der im März 1993 geborene Antragsteller ist pakistanischer Staatsbürger. Über seinen am 10.11.2023 förmlich gestellten Asylantrag hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bisher nicht entschieden. Der Antragsteller ist im Besitz einer Aufenthaltsgestattung.

Der Antragsteller ist nach seiner Einreise in die Bundesrepublik zunächst ab dem 22.10.2023 in einer Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende (AfA) des Landes Rheinland-Pfalz untergebracht gewesen, seit dem 27.02.2024 ist er in den Zuständigkeitsbereich der Antragsgegnerin verteilt und dort in einer Gemeinschaftsunterkunft untergebracht.

Die Antragsgegnerin gewährt dem Antragsteller Leistungen nach dem AsylbLG, zuletzt durch Bescheid vom 29.04.2024 für die Zeit „ab dem 11.05.2024 bis auf Weiteres, vorerst jedoch aufgrund der Befristung Ihrer Aufenthaltsgestattung bis zum 22.07.2024“. Die Antragsgegnerin berechnete den monatlichen Anspruch dabei wie folgt:

Leistungen nach §§ 3, 3a Abs. 1 AsylbLG184,00 €
Leistungen nach §§ 3, 3a Abs. 2 AsylbLG229,00 €
abzgl. Kürzung Vollverpflegung RS 2-134,45 €
Bedarf für Unterkunft und Heizung (Sammelunterkunft)320,00 €
Gesamtbedarf 598,55 €

Mit Schreiben vom 28.05.2024 legte der Antragsteller Widerspruch gegen den Bescheid vom 29.04.2024 ein.

Am gleichen Tag hat der Antragsteller beim angerufenen Gericht den Erlass einer einstweiligen Anordnung beantragt, mit der er die vorläufige Gewährung von höheren Leistungen nach dem AsylbLG begehrt. Er trägt zur Begründung vor, die Leistungen seien nach Bedarfsstufe 1 des § 3 AsylbLG zu bestimmen und nicht nach Bedarfsstufe 2 wie von der Antragsgegnerin vorgenommen. Die Regelungen der §§ 3, 3a Abs. 1 Nr. 2b, Abs. 2 Nr. 2b AsylbLG seien evident verfassungswidrig, da sie das durch Art. 1 Abs. 1 Grundgesetz (GG) iVm Art. 20 Abs. 1 GG garantierte Grundrecht auf Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums verletzten und gegen den allgemeinen Gleichheitssatz verstießen. Der Gesetzgeber habe die zur Gewährleistung des Grundrechts erforderlichen Ermittlungen hinsichtlich des spezifischen Bedarfs von Leistungsberechtigten nach §§ 3, 3a Abs. 1 Nr. 2b, Abs. 2 Nr. 2b AsylbLG nicht angestellt, sondern halte, wie die Gesetzesbegründung zeige, Einspar- und Synergieeffekte wie in Paarhaushalten lediglich für möglich und zumutbar. Anders als bei Partnern, die sich gegenseitig unterstützten, könnten Alleinstehende, die in einer Unterkunft lebten, nicht auf Einsparmöglichkeiten verwiesen werden. Insoweit sei bereits die Annahme eines gemeinsamen Wirtschaftens der Bewohner tatsächlich unzutreffend. Es bestehe kein Unterschied im Bedarf zu alleinstehenden erwachsenen Leistungsberechtigten nach § 2 AsylbLG, die in einer Wohnung im Sinne von § 8 Abs. 1 Satz 2 des Regelbedarfs-Ermittlungsgesetzes lebten, oder zu alleinstehenden erwachsenen Leistungsberechtigten nach dem SGB XII, die in einer Unterkunft lebten. Der Gesetzgeber stelle diese Personengruppen trotz gleichen Hilfebedarfs besser als ihn. Eine Ungleichbehandlung sei nicht gerechtfertigt. Inzwischen habe eine Reihe von Gerichten Bedenken gegen die Verfassungsmäßigkeit der Leistungsgewährung entsprechend der Bedarfsstufe 2 im Fall des Bezugs von Leistungen nach § 2 AsylbLG und § 3a AsylbLG bei Personen, die in Gemeinschaftsunterkünften lebten, geäußert (Verweis auf SG Landshut, Beschluss vom 24.10.2019 – S 11 AY64/19 ER; SG Freiburg vom 03.12.2019 – S 9 AY 4605/19 ER; SG München, Hinweis vom 31.01.2020 – S 42 AY 4/20 ER; SG Hannover, Beschluss vom 20.12.2019 – S 53 AY 107/19 ER; SG Leipzig, Beschluss vom 08.01.2020 – S 10 AY 40/19 ER; Sächsisches LSG, Beschluss vom 23.03.2020 – L 8 AY 4/20 B ER; SG Kassel, Urteil vom 19.11.2020 – S 12 AY 22/20; SG Marburg, Gerichtsbescheid vom 31.12.2020 – S 9 AY 1/20; SG Frankfurt, Beschluss vom 14.01.2020 – S 30 AY 26/19 ER; SG Dresden, Beschluss vom 04.02.2020 – S 20 AY 86/19 ER; LSG Hessen, Beschluss vom 13.04.2021 – L 4 AY 3/21 B ER).
Das Bundesverfassungsgericht habe zudem die in § 2 Abs. 1 Satz 4 Nr. 1 AsylbLG vorgesehene Reduzierung des Leistungssatzes für alleinstehende Asylsuchende in Sammelunterkünften für verfassungswidrig erklärt und entschieden, dass bis zu einer Neuregelung für alleinstehende Personen in Sammelunterkünften der Regelbedarf nach der Stufe 1 zu bestimmen sei (Bezugnahme auf Beschluss vom 19.10.2022 – 1 BvL 3/21). §§ 3, 3a Abs. 1 Nr. 2b, Abs. 2 Nr. 2b AsylbLG müssten unter Berücksichtigung der Entscheidung des BVerfGs teleologisch eingeschränkt ausgelegt werden (Verweis auf Bayerisches LSG vom 31.05.2023 – L 8 AY 7/23). Auch ihm seien daher Leistungen nach Bedarfsstufe 1 zu gewähren. Da sein verfassungsrechtlich garantiertes Existenzminimum nicht gesichert sei, sei von einem Anordnungsgrund auszugehen.

Der Antragsteller beantragt,
die Antragsgegnerin im Wege der einstweiligen Anordnung zu verpflichten, ihm vorläufig und unter dem Vorbehalt der Rückforderung bis zu einer rechtskräftigen Entscheidung über den Widerspruch vom 28.05.2024 gegen den Bescheid vom 29.04.2024 unter Beachtung der Rechtsauffassung des Gerichts die beantragten Leistungen in verfassungsgemäßer Höhe in der Regelbedarfsstufe 1 ab 28.05.2024 zu gewähren.

Die Antragsgegnerin beantragt,
den Antrag abzulehnen.

Zur Begründung verweist sie auf das Schreiben des Ministeriums für Familie, Frauen, Kultur und Integration Rheinland-Pfalz vom 04.01.2023. Das Ministerium weise darin darauf hin, dass das Bundesverfassungsgericht sich in seiner Entscheidung vom 19.10.2022 – 1 BvL 3/21 – ausschließlich auf § 2 Abs. 1 Satz 4 Nr. 1 AslybLG in der Fassung des Artikel 1 Nr. 3 des 3. Gesetzes zur Änderung des Asylbewerberleistungsgesetzes vom 13. August 2019 bezogen habe. Insofern entfalte die Entscheidung keine Gesetzeskraft auf die Anwendungsbereiche von § 3a Abs. 1 Nr. 2b und Abs. 2 Nr. 2b AsylbLG. Eine Normverwerfungskompetenz der Verwaltung sei nicht gegeben, so dass die Vorschriften – auch entgegen großer verfassungsrechtlicher Bedenken seitens des MFFKI – grundsätzlich weiterhin Anwendung fänden.

Mit dem Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung hat der Antragsteller unter Vorlage der Erklärung über die persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse die Bewilligung von Prozesskostenhilfe unter Beiordnung von Rechtsanwalt Sven Adam, Göttingen, beantragt.

Wegen der weiteren Einzelheiten des Sach- und Streitstandes wird auf die Prozessakte sowie die von der Antragsgegnerin vorgelegten Verwaltungsakten und die beigezogene Akte des BAMF Bezug genommen.

II.

Der Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung ist zulässig und begründet.

Gemäß § 86b Abs. 2 Satz 2 Sozialgerichtsgesetz (SGG) ist eine einstweilige Anordnung zur Regelung eines vorläufigen Zustandes in Bezug auf ein streitiges Rechtsverhältnis zulässig, wenn diese Regelung vor allem bei dauernden Rechtsverhältnissen, zur Abwendung wesentlicher Nachteile, zur Verhinderung drohender Gewalt oder aus anderen Gründen notwendig erscheint. Hierzu muss glaubhaft gemacht sein, dass das geltend gemachte Recht des Antragstellers gegenüber dem Antragsgegner besteht (Anordnungsanspruch) und der Antragsteller ohne den Erlass der begehrten einstweiligen Anordnung wesentliche Nachteile erleidet (Anordnungsgrund). Nach dem Sinn und Zweck des § 86b Abs. 2 SGG sollen mittels des dort geregelten Instrumentes des einstweiligen Rechtsschutzes irreparable Entscheidungen durch die Verwaltung und damit endgültige, vom Gericht nicht mehr zu korrigierende Umstände, verhindert werden. Demzufolge kann eine einstweilige Anordnung vor einer gerichtlichen Entscheidung in der Hauptsache nur erlangt werden, wenn ohne die begehrte Anordnung für den Antragsteller schwere und unzumutbare, anders nicht abwendbare Nachteile entstünden und diese auch nicht durch die spätere Entscheidung in der Hauptsache beseitigt werden könnten. Zudem muss der Erfolg in der Hauptsache wahrscheinlich sein und diese darf nicht durch die einstweilige Anordnung erledigt oder vorweggenommen werden. Lässt also die im Eilverfahren durchgeführte Prüfung bereits erkennen, dass das von dem Antragsteller behauptete Recht zu seinen Gunsten nicht besteht, so ist auch nach § 86b Abs. 2 SGG eine einstweilige Anordnung nicht möglich, weil dann eine sicherungsfähige und sicherungswürdige Rechtsposition fehlt. Sowohl die hinreichend hohe Wahrscheinlichkeit eines Anordnungsanspruchs als auch der Anordnungsgrund müssen glaubhaft gemacht werden, § 86b Abs. 2 Satz 4 SGG iVm §§ 920 Abs. 2, 294 Abs. 1 Zivilprozessordnung (ZPO).
Zwischen Anordnungsgrund und Anordnungsanspruch besteht dabei eine Wechselbeziehung. An das Vorliegen des Anordnungsgrundes sind dann weniger strenge Anforderungen zu stellen, wenn bei der Prüfung der Sach- und Rechtslage in dem vom BVerfG vorgegebenen Umfang (BVerfG, Beschluss vom 12.05.2005 – 1 BvR 569/05 -, juris) das Obsiegen in der Hauptsache sehr wahrscheinlich ist. Ist eine in der Hauptsache erhobene Klage offensichtlich unzulässig oder unbegründet, so ist wegen des fehlenden Anordnungsanspruches der Erlass einer einstweiligen Anordnung abzulehnen. Sind hingegen die Erfolgsaussichten in der Hauptsache offen, kommt dem Anordnungsgrund entscheidende Bedeutung zu.
Auch für den Erlass einer einstweiligen Anordnung müssen die allgemeinen Prozessvoraussetzungen vorliegen. Die Prozessvoraussetzungen müssen in jeder Lage des Verfahrens von Amts wegen geprüft werden; fehlen sie von Anfang an oder fällt eine Prozessvoraussetzung im Laufe des Rechtsstreits weg, darf eine Sachentscheidung nicht ergehen (Meyer-Ladewig/Keller/Schmidt, SGG, 14. Aufl., vor § 51 Rn. 13). Zu den allgemeinen Prozessvoraussetzungen gehört das Rechtsschutzbedürfnis (Meyer-Ladewig/Keller/Schmidt, SGG, 14. Aufl., § 86b Rn. 26). Dieser Begriff bedeutet, dass nur derjenige einen Anspruch auf eine gerichtliche Sachentscheidung hat, der mit dem von ihm angestrengten gerichtlichen Rechtsschutzverfahren ein rechtlich schützenswertes Interesse verfolgt. Niemand soll die Gerichte grundlos oder für unlautere Zwecke in Anspruch nehmen dürfen (BSG, Urteil vom 08.05.2007 – B 2 U 3/06 R -, juris). Ein Rechtsschutzbedürfnis für den Erlass einer einstweiligen Anordnung besteht in der Regel nur, wenn der Antragsteller sich zunächst an die Verwaltung wendet, dort sein Begehren vorbringt und die normale Bearbeitungszeit abwartet (Meyer-Ladewig/Keller/Schmidt, SGG, 14. Aufl., § 86b Rn. 26b). In einem Antrag auf vorläufigen Rechtsschutz bei Gericht kann ein Antrag auf Gewährung der Leistung durch die Verwaltung enthalten sein; hat diese während des Eilverfahrens die Leistung abgelehnt oder ist die normale Bearbeitungszeit abgelaufen, darf der Eilantrag nicht mehr wegen fehlendem Rechtsschutzinteresse als unzulässig abgelehnt werden, weil sich der Antragsteller nicht zunächst an die Verwaltung gewandt hat. Maßgebend ist auch hinsichtlich des Rechtsschutzinteresses der Sach- und Streitstand im Zeitpunkt der Entscheidung des Gerichts (Meyer-Ladewig/Keller/Schmidt, SGG, 14. Aufl., § 86b Rn. 26b; aA ohne weitere Begründung Roos/Wahrendorf, SGG, 3. Aufl., § 86b Rn. 189).

Gemessen hieran ist der Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung im Zeitpunkt der Entscheidung durch das Gericht zulässig. Dem am 28.05.2024 gestellten Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung, mit dem der Antragsteller nach seinem Vorbringen höhere Leistungen, nämlich nach Bedarfsstufe 1 begehrt, fehlte zwar ursprünglich das Rechtsschutzbedürfnis. Insoweit hat der Antragsteller ohne Zweifel eine übliche Bearbeitungszeit durch die Verwaltung nicht abgewartet, bevor er sich mit seinem Begehren auf Gewährung weiterer Leistungen an das Gericht gewandt hat. Er hat den Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung am gleichen Taggestellt, an dem er Widerspruch eingelegt hat, mit dem er mutmaßlich ebenfalls höhere Leistungen begehrt. Der damit ursprünglich wegen fehlendem Rechtsschutzbedürfnis unzulässige Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung ist gleichwohl zulässig geworden. Die Antragsgegnerin hat in der Sache eine allgemeine Ablehnung des auf höhere Leistungen gerichteten Begehrens formuliert, nicht allein in Bezug auf den im einstweiligen Rechtsschutzverfahren gestellten Antrag oder unter Verweis auf das fehlende Rechtsschutzbedürfnis, da eine normale Bearbeitung des Widerspruchs gar nicht möglich war. Damit ist der Antrag zulässig geworden.

Der Antrag ist auch begründet, es besteht ein Anordnungsanspruch wie auch ein Anordnungsgrund. Der Antragsteller hat Anspruch auf höhere Leistungen.

Gemäß § 3 Abs. 1 Satz 1 AsylbLG erhalten Leistungsberechtigte nach § 1 Leistungen zur Deckung des Bedarfs an Ernährung, Unterkunft, Heizung, Kleidung, Gesundheitspflege und Gebrauchs- und Verbrauchsgütern des Haushalts (notwendiger Bedarf). Zusätzlich werden ihnen gemäß § 3 Abs. 1 Satz 2 AsylbLG Leistungen zur Deckung persönlicher Bedürfnisse des täglichen Lebens gewährt (notwendiger persönlicher Bedarf). Wird der notwendige persönliche Bedarf vollständig durch Geldleistungen gedeckt, so beträgt er gemäß § 3a Abs. 1 AsylbLG in der Fassung der Bekanntmachung über die Höhe der Leistungssätze nach § 3a Absatz 4 des Asylbewerberleistungsgesetzes für die Zeit ab 1. Januar 2024 vom 19. Oktober 2023 (BGBl. 2023 I Nr. 288) monatlich

1. für erwachsene Leistungsberechtigte, die in einer Wohnung im Sinne von § 8 Abs. 1 Satz 2 des Regelbedarfs-Ermittlungsgesetzes leben und für die nicht Nummer 2 Buchstabe a oder Nummer 3 Buchstabe a gelten, sowie für jugendliche Leistungsberechtigte, die nicht mit mindestens einem Elternteil in einer Wohnung leben, je 204 Euro

2. für erwachsene Leistungsberechtigte je 184 Euro, wenn sie
a) in einer Wohnung im Sinne von § 8 des Regelbedarfs-Ermittlungsgesetzes mit einem Ehegatten oder Lebenspartner oder in eheähnlicher oder lebenspartnerschaftsähnlicher Gemeinschaft mit einem Partner zusammenleben,
b) nicht in einer Wohnung leben, weil sie in einer Aufnahmeeinrichtung im Sinne von § 44 Absatz 1 des Asylgesetzes oder in einer Gemeinschaftsunterkunft im Sinne von § 53 Absatz 1 des Asylgesetzes oder nicht nur kurzfristig in einer vergleichbaren sonstigen Unterkunft untergebracht sind;…….

Wird der notwendige Bedarf nach § 3 Absatz 1 Satz 1 mit Ausnahme der Bedarfe für Unterkunft, Heizung, Hausrat, Wohnungsinstandhaltung und Haushaltsenergie vollständig durch Geldleistungen gedeckt, so beträgt dieser gemäß § 3a Abs. 2 AsylbLG in der Fassung der Bekanntmachung über die Höhe der Leistungssätze nach § 3a Absatz 4 des Asylbewerberleistungsgesetzes für die Zeit ab 1. Januar 2024 vom 19. Oktober 2023 (BGBl. 2023 I Nr. 288) monatlich für

1. erwachsene Leistungsberechtigte, die in einer Wohnung im Sinne von § 8 Absatz 1 Satz 2 des Regelbedarfs-Ermittlungsgesetzes leben und für die nicht Nummer 2 Buchstabe a oder Nummer 3 Buchstabe a gelten, sowie für jugendliche Leistungsberechtigte, die nicht mit mindestens einem Elternteil in einer Wohnung leben, je 256 Euro;

2. erwachsene Leistungsberechtigte je 229 Euro, wenn sie
a) in einer Wohnung im Sinne von § 8 Absatz 1 Satz 2 des Regelbedarfs-Ermittlungsgesetzes mit einem Ehegatten oder Lebenspartner oder in eheähnlicher oder lebenspartnerschaftsähnlicher Gemeinschaft mit einem Partner zusammenleben;
b) nicht in einer Wohnung leben, weil sie in einer Aufnahmeeinrichtung im Sinne von § 44 Absatz 1 des Asylgesetzes oder in einer Gemeinschaftsunterkunft im Sinne von § 53 Absatz 1 des Asylgesetzes oder nicht nur kurzfristig in einer vergleichbaren sonstigen Unterkunft untergebracht sind; ….

Der Antragsteller, der über eine Aufenthaltsgestattung nach dem Asylgesetz verfügt, gehört gemäß § 1 Abs. 1 Nr. 1 AsylbLG zum Kreis der Leistungsberechtigten. Er ist auch hilfebedürftig (vgl. § 7 Abs. 1 Satz 1 AsylbLG), denn er verfügt nicht über Einkommen und Vermögen.

Zur Überzeugung des Gerichts hat der Antragsteller auch Anspruch auf Gewährung des hier in Rede stehenden notwendigen persönlichen Bedarfs wie des notwendigen Bedarfs nach Bedarfsstufe 1 gemäß § 3a Abs. 1 Nr. 1, Abs. 2 Nr. 1 AsylbLG, obwohl er in einer Gemeinschaftsunterkunft untergebracht ist und damit die tatbestandlichen Voraussetzungen des § 3a Abs. 1 Nr. 2b, Abs. 2 Nr. 2b AsylbLG erfüllt. Diesen Vorschriften begegnen unter Berücksichtigung der Entscheidung des BVerfG vom 19.10.2022 – 1 BvL 3/21 – erhebliche verfassungsrechtliche Bedenken. Das BVerfG hat für die Parallelvorschrift in § 2 Abs. 1 Satz 4 AsylbLG entschieden, dass die danach vorgesehene Leistungsgewährung nach Bedarfsstufe 2 für eine in einer Sammelunterkunft untergebrachte alleinstehende erwachsene Person mit Art. 1 Abs. 1 GG iVm Art. 20 Abs. 1 GG unvereinbar ist. Die Annahme des Gesetzgebers, den Leistungsberechtigten sei es möglich und zumutbar, in den Unterkünften eröffnete Möglichkeiten zu gemeinsamem Wirtschaften zu nutzen sowie die Berücksichtigung von dadurch erzielbaren Einsparungen bei der Bemessung des existenznotwenigen Bedarfs ist zwar im Ausgangspunkt verfassungsrechtlich wegen des Nachranggrundsatzes nicht zu beanstanden. Eine pauschale Absenkung existenzsichernder Leistungen lässt sich auf eine solche Obliegenheit aber nur dann stützen, wenn in den Sammelunterkünften auch tatsächlich die Voraussetzungen dafür vorliegen, dass die Obliegenheit erfüllt und so Einsparungen in tatsächlicher Höhe erzielen werden können. Die gesetzlich normierte pauschale Absenkung stützt sich allerdings gerade nicht auf hinreichend tragfähige, empirische Erkenntnisse dazu, dass Bedarfe durch Verhalten der Betroffenen in diesem Umfang tatsächlich verringert werden könnten. Die bloße Annahme, die Betroffenen bildeten eine „Schicksalsgemeinschaft“ reicht nicht. Auf der Grundlage der vorliegenden Erkenntnisse kann nicht davon ausgegangen werden, dass die Betroffenen in der Regel hinreichend verlässliche Möglichkeiten haben, ihre Ausgaben für existenzsichernde Bedarfe durch gemeinsames Wirtschaften mit Mitbewohnern in dem vom Gesetzgeber angenommenen Maße zu verringern. Die pauschale Absenkung des Regelbedarfs nach § 2 Abs. 1 Satz 4 Nr. 1 AsylbLG ist unter Berücksichtigung ihrer Ausgestaltung insgesamt nicht angemessen (BVerfG, Beschluss vom 19.10.2022 – 1 BvL 3/21 -, juris). Das BVerfG hat eine Übergangsregelung angeordnet, nach der für alleinstehende Erwachsene, die in einer Gemeinschaftsunterkunft oder in einer Aufnahmeeinrichtung untergebracht sind, unter den Voraussetzungen von § 2 Abs. 1 Satz 1 und Satz 4 Nr. 1 AsylbLG ein Regelbedarf in Höhe der Regelbedarfsstufe 1 anerkannt wird.

Die Überlegungen und Ausführungen des BVerfG müssen zur Überzeugung des erkennenden Gerichts in gleicher Weise bezüglich der Absenkung der hier in Rede stehenden Bedarfe für alleinstehende Personen in Sammelunterkünften und Aufnahmeeinrichtungen gelten. Auch hier besteht keine ausreichende Basis für eine Vergleichbarkeit mit der Situation von Paarhaushalten wie der darauf gestützten Annahme (tatsächlicher) Einspareffekte und eines geringeren Bedarfs. Das bloße gemeinsame Wohnen in einer Gemeinschaftsunterkunft bzw. Aufnahmeeinrichtung vermag die Annahme von Einsparungen weder zu belegen noch zu begründen. § 3a Abs. 1 Nr. 2b und § 3a Abs. 2 Nr. 2b AsylbLG sind daher verfassungskonform auszulegen und im Wege der normerhaltenden teleologischen Reduktion ist als ungeschriebene Voraussetzung ein tatsächliches “Füreinandereinstehen” in die Vorschrift hineinzulesen. Das erkennende Gericht schließt sich insoweit ausdrücklich der Rechtsauffassung des Bayerischen Landessozialgerichts (Urteile vom 30.10.2023 – L 8 AY 33/23, vom 31.05.2023 – L 8 AY 7/23, vom 29.04.2021 – L 8 AY 122/20, alle juris) an. § 3a Abs. 1 Nr. 2b und Abs. 2 Nr. 2b AsylbLG greift mithin nur dann ein, wenn sich ein tatsächliches „Füreinandereinstehen“ wie in der Konstellation des § 3a Abs. 1 Nr. 2a und Abs. 2 Nr. 2a AsylbLG feststellen lässt. Das ist hier jedoch nicht der Fall. Es liegen keine Anhaltspunkte dafür vor, dass der Antragsteller sich mit einer anderen Person in der Gemeinschaftsunterkunft in einem Verhältnis des „Füreinandereinstehens“ befindet, die ein gemeinsames Wirtschaften erlaubt.

Überzeugende Gründe, die einer verfassungsrechtlichen Auslegung und der Gewährung von Leistungen nach Maßgabe des höheren Regelsatzes entgegen stehen hat die Antragsgegnerin nicht vorgebracht. Sie verweist zwar zutreffend darauf, dass sie keine Normverwerfungskompetenz hat. Eine verfassungsrechtliche Auslegung von Normen ist aber auch der Verwaltung nicht verwehrt.

Wegen des offensichtlichen Vorliegens eines Anordnungsanspruchs liegt auch ein Anordnungsgrund vor, in dieser Situation verringern sich die Anforderungen an den Anordnungsgrund. Die Höhe der Leistung, wie sie hier in Rede stehen, sind im Hinblick auf die Höhe des Leistungsanspruchs auch durchaus relevant.

Die Kostenentscheidung folgt aus der entsprechenden Anwendung des § 193 Abs. 1 Satz 1 SGG.

Der Beschluss ist unanfechtbar (§ 172 Abs. 3 Nr. 1 SGG). In der Hauptsache wäre eine Zulassung der Berufung erforderlich, da der Wert des hier geltend gemachten (zeitlich befristeten) Anspruchs die Berufungssumme von 750 € nicht erreicht.

III.

Die Bewilligung von Prozesskostenhilfe erfolgt gemäß § 73a SGG, §§ 114 ff ZPO, weil der Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung in der Sache, wie zuvor dargelegt, hinreichend Aussicht auf Erfolg hat und der Antragsteller unter Berücksichtigung der Angaben in der Erklärung über die persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse die Mittel zum Führen des Rechtsstreits nicht selbst aufbringen kann. Die Beiordnung von Rechtsanwalt Sven Adam erfolgt gemäß § 73a Abs. 1 Satz 1 SGG iVm § 121 Abs. 2 ZPO mit der Maßgabe, dass durch seine Beiordnung keine weiteren Kosten entstehen (§ 121 Abs. 3 ZPO).

Der Beschluss über die Bewilligung von Prozesskostenhilfe ist für die Beteiligten unanfechtbar – § 73a Abs. 1 SGG iVm § 127 Abs. 2 ZPO. Er kann jedoch mit der Beschwerde der Staatskasse innerhalb von drei Monaten seit der Verkündung der Entscheidung angefochten werden (§ 127 Abs. 3 ZPO).