Tacheles Rechtsprechungsticker KW 49/2025

Rechtsprechungsübersicht – Grundsicherung, Sozialhilfe, AsylbLG und Bürgergeld

1. Entscheidungen des Bundessozialgerichts zur Grundsicherung nach dem SGB II

1.1 – BSG, Urteile vom 02.12.2025 – B 7 AS 20/24 R, B 7 AS 30/24 R und B 7 AS 6/25 R

Grundsicherung für Arbeitsuchende – Arbeitslosengeld II – Regelbedarf – Höhe – Einmalzahlung – Preisentwicklung – Preissteigerung – Verfassungsmäßigkeit

Rechtsfrage:
Waren die nach § 20 SGB II bestimmten Regelbedarfe der Regelbedarfsstufe 1 in den Monaten September und Oktober 2022 verfassungskonform?

Kernaussage des BSG:
Die Höhe des ALG II im Jahr 2022 war trotz erheblicher Preissteigerungen ausreichend, um ein menschenwürdiges Existenzminimum zu gewährleisten.

Alle drei Klagen wurden abgewiesen; keine Vorlage an das Bundesverfassungsgericht.

Quelle: www.bsg.bund.de

Lesetipp: ALG-II-Sätze verfassungskonform: Spät, aber nicht zu spät reagiert – Dr. Annalena Mayr

2. Entscheidungen der Landessozialgerichte zur Grundsicherung nach dem SGB II (Bürgergeld)

2.1 – LSG Berlin-Brandenburg, Urteil vom 16.10.2025 – L 3 AS 424/22

Leitsatz:
Ein Antrag auf endgültige Festsetzung vorläufig bewilligter Leistungen (§ 41a Abs. 5 Satz 1 Nr. 1 SGB II) kann nach Ablauf der Jahresfrist nicht mehr zurückgenommen werden.

Quelle: www.sozialgerichtsbarkeit.de

Anmerkung (D. Brock):
Eine Haselnussallergie begründet keinen Mehrbedarf nach § 21 Abs. 5 SGB II, da keine kostenintensiveren Ersatzprodukte erforderlich sind.

2.2 – LSG NRW, Beschlüsse vom 01.12.2025 – L 6 AS 1191/25 B ER und L 6 AS 1192/25 B

Kernaussage:
Bei der Glaubhaftmachung eines Anordnungsgrundes ist Pflegegeld als Einkommen zu berücksichtigen.

Anmerkung (D. Brock):

  1. Der Berücksichtigung des Pflegegeldes (ca. 300 €), das die Ehefrau vom Antragsteller erhält, steht weder § 13 Abs. 5 S. 1 SGB XI noch § 1 Abs. 1 Nr. 4 Bürgergeld-VO entgegen.
  2. Im Eilverfahren können sogar Mittel berücksichtigt werden, die materiell als Schonvermögen gelten würden.

Quelle: www.sozialgerichtsbarkeit.de

2.3 – LSG NRW, Beschluss vom 19.11.2025 – L 21 AS 1422/25 B ER

Kernaussagen:

  • Besondere gravierende Gründe für die Ausnahme nach § 22 Abs. 1 Satz 7 SGB II liegen nicht vor.
  • Eine Untervermietung ist zur Kostensenkung grundsätzlich zumutbar.

Anmerkung (D. Brock):

  1. Der Gesetzgeber nennt die Untervermietung ausdrücklich als Beispiel in § 22 Abs. 1 Satz 7 SGB II.
  2. Pauschale Behauptungen, eine Untervermietung sei „derzeit nicht praktikabel“, genügen nicht.
  3. Zumutbarkeit ergibt sich auch daraus, dass die Antragstellerin zuvor selbst als Untermieterin in der Wohnung lebte.

Quelle: www.sozialgerichtsbarkeit.de

3. Entscheidungen der Sozialgerichte zur Grundsicherung / Bürgergeld

3.1 – SG Karlsruhe, Beschluss vom 10.11.2025 – S 12 AS 3208/25 ER

Thema:
Fehlende Hilfebedürftigkeit bei nicht bewohntem Grundstücksvermögen oberhalb der Schonvermögensgrenze.

Kernaussage:
Ein Miteigentumsanteil an einer Zweitwohnung ist kein geschütztes Vermögen nach § 12 Abs. 1 Satz 2 Nr. 5 SGB II.

Quelle: www.sozialgerichtsbarkeit.de

3.2 – SG Augsburg, Urteil vom 24.11.2025 – S 5 AS 726/25 (unveröffentlicht)

Leitsatz (RA Daniel Zeeb, Augsburg):

  1. Der Sofortzuschlag steht im Geburtsmonat in voller Höhe (25 €) zu; keine zeitanteilige Kürzung.
  2. § 41 Abs. 1 SGB II findet auf den Sofortzuschlag nach § 72 SGB II keine Anwendung.

Quelle: RA Daniel Zeeb, Augsburg

4. Entscheidungen der Landessozialgerichte zur Sozialhilfe (SGB XII)

4.1 – LSG Bayern, Urteil vom 27.06.2025 – L 8 SO 244/24

Thema:
Keine Übernahme von Kosten der Zwangsräumung bei selbstverschuldeten Mietschulden.

Leitsätze (Auszug):

  1. Zwangsräumungskosten sind keine Unterkunftskosten nach § 42 Nr. 4 SGB XII.
  2. Sie sind auch keine Umzugskosten.
  3. Sie dienen nicht der Erhaltung oder Beschaffung einer Wohnung, sondern der Durchsetzung eines Räumungsurteils.

Quelle: www.sozialgerichtsbarkeit.de

4.2 – LSG NRW, Beschluss vom 03.11.2025 – L 9 SO 226/25 B ER / L 9 SO 227/25 B

Kernaussage:
Getrenntleben ist ein starkes Indiz für Trennungswillen (BSG 06.12.2018 – B 8 SO 2/17 R).

Anmerkung (D. Brock):

  1. Hilfe zum Lebensunterhalt nach RBS 1 für bulgarische Staatsangehörige.
  2. Trennung durch eidesstattliche Versicherungen bestätigt.
  3. Trotz § 41 Abs. 4 SGB XII besteht Anspruch auf Leistungen nach §§ 19, 27 ff. SGB XII.

Quelle: www.sozialgerichtsbarkeit.de

4.3 – LSG Sachsen-Anhalt, Beschluss vom 10.11.2025 – L 8 SO 16/25 B ER

Thema:
Beschäftigung naher Angehöriger als Budgetassistenten – nicht ausgeschlossen.

Leitsätze:

  1. Persönliches Budget muss den individuellen Bedarf vollständig decken.
  2. Budgetnehmer dürfen Löhne analog TVöD-P zahlen.
  3. Beschäftigung naher Angehöriger ist nicht grundsätzlich ausgeschlossen.

Quelle: www.sozialgerichtsbarkeit.de

Rechtstipp:
Vgl. LSG Hamburg, Beschluss vom 28.03.2025 – L 4 SO 66/24 B ER

5. Entscheidungen zum Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG)

5.1 – LSG Bayern, Beschluss vom 28.07.2025 – L 11 AY 56/25 B ER

Leitsätze:

  1. Kein Verfassungsverstoß des § 1 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 AsylbLG bei zumutbarer Ausreise.
  2. Übertragung der BSG-Rechtsprechung zu Unionsbürgern ohne Aufenthaltsrecht.

Quelle: www.sozialgerichtsbarkeit.de

Rechtstipp:
Auch LSG Erfurt, 16.05.2025 – L 8 AY 222/25 B ER; Nichtannahmebeschluss BVerfG 30.06.2025 (1 BvR 1200/25).

Anmerkung (RA Gerloff):
Der UN-Sozialrechtsausschuss korrigierte eine grobe Fehlentscheidung des LSG Thüringen – Kritik am BVerfG wegen überspannter Subsidiaritätsanforderungen.

5.2 – SG Karlsruhe, Beschluss vom 05.11.2025 – S 12 AY 3051/25 ER
1 Abs. 4 Satz 1 AsylbLG ist unions- und verfassungsrechtswidrig

Anmerkung von Detlef Brock

  1. Verpflichtung der Behörde im Wege der einstweiligen Anordnung dem Antragsteller Grundleistungen nach §§ 3 und 3a AsylbLG nach Maßgabe der für 2024 geltenden Regelbedarfsstufe 1 vorläufig zu gewähren.
  2. Eine mehr als zweiundzwanzigmonatige – Fortführung einer Leistungseinschränkung nach § 14 Abs. 2 AsylbLG ist rechtswidrig

Orientierungssätze von Detlef Brock

1. § 1 Abs. 4 Satz 1 AsylbLG ist voraussichtlich unions- und verfassungsrechtswidrig (vgl. Sozialgericht Karlsruhe, Beschluss vom 19. Februar 2025, S 12 AY 424/25 ER; LSG NSB, Beschluss vom 13. Juni 2025, L 8 AY 12/25 B ER; Hessisches Landessozialgericht, Beschluss vom 1. Oktober 2025, L 4 AY 5/25 B ER).

2. Die Rechtswidrigkeit der Leistungseinschränkung nach § 1a Abs. 4 AsylbLG folgt auch aus § 14 Abs 2 AsylbLG. Bei dessen Anwendung bedarf es der zwingenden Überprüfung durch die Behörde, ob die Anspruchseinschränkung wegen eines inzwischen mehr als sechs Monate zurückliegenden Verhaltens aufrechterhalten bleiben kann ( (Hessisches LSG, Beschluss vom 17. September 2025 – L 4 AY 9/25 B ER – ).

3. Das angerufene Sozialgericht hat massive Zweifel daran, dass die Behörde im Fall des Antragstellers überhaupt gewillt ist, die im Falle einer – hier mehr als zweiundzwanzigmonatigen – Fortführung einer Leistungseinschränkung nach § 14 Abs. 2 AsylbLG dem Unions- und Verfassungsrecht sachangemessene Verhältnismäßigkeitsprüfung ordnungsgemäß und unvoreingenommen durchzuführen.

4. Die Bestandsschutzklausel des § 28a Abs 5 SGB XII gelangt über den Verweis in § 3a Abs 4 Satz 1 AsylbLG zur Anwendung (Sozialgericht Mainz, Beschluss vom 29. September 2025 – S 15 AY 28/25 ER –, Rn. 28, juris; Sozialgericht Halle (Saale), Beschluss vom 8. September 2025 – S 17 AY 28/25 ER –, Rn. 38, juris; Sozialgericht Halle (Saale), Beschluss vom 11. August 2025 – S 17 AY 25/25 ER –, Rn. 59, juris; Sozialgericht Karlsruhe, Beschluss vom 31.03.2025, S 12 AY 706/25 ER, juris; Sozialgericht Karlsruhe, Beschluss vom 21.07.2025, S 12 AY 1152/25 ER, juris; Sozialgericht Karlsruhe, Beschluss vom 21.07.2025, S 12 AY 1183/25 ER, juris; Sozialgericht Karlsruhe, Beschluss vom 21.07.2025, S 12 AY 1381/25 ER, juris; Sozialgericht Karlsruhe, Beschluss vom 21. Juli 2025, S 12 AY 1347/25 ER, juris; Sozialgericht Halle (Saale), Beschluss vom 11. Juli 2025 – S 17 AY 26/25 ER –, Rn. 27, juris; Sozialgericht Marburg, Beschluss vom 23. Mai 2025 – S 16 AY 8/25 ER –, Rn. 23, juris; Sozialgericht Halle (Saale), Beschluss vom 7. Mai 2025 – S 17 AY 17/25 ER –, Rn. 27, juris; Sozialgericht Halle (Saale), Beschluss vom 17. März 2025 – S 17 AY 3/25 ER –, Rn. 28, juris; Sozialgericht Marburg, Beschluss vom 14. Februar 2025 – S 16 AY 11/24 ER –, Rn. 22, juris). Die hiervon abweichende, aber unrichtige Rechtsprechung des Landessozialgerichts Baden-Württemberg (LSG Baden-Württemberg Beschluss vom 29.4.2025 – L 7 AY 918/25 ER-B) ist dem Sozialgericht Karlsruhe hinlänglich bekannt, aber gemäß Art. 97 Abs. 1 GG nicht bindend und steht damit der Bejahung eines Anordnungsanspruchs nicht entgegen.

5. Der vorliegende Fall ist besonders eilbedürftig, weil dem Antragsteller durch das Zusammenwirken der

  • verfassungswidrigen Leistungseinschränkung nach § 1a AsylbLG und
  • der Zugrundelegung der verfassungswidrigen Regelbedarfsstufe 2 und
  • der Außerachtlassung der Bestandsschutzregel aus § 28a Abs. 5 SGB XII derzeit monatlich anstatt 460,- € nur 197,- € gewährt werden.

Quelle: www.sozialgerichtsbarkeit.de

5.3 – LSG Niedersachsen-Bremen, Beschluss vom 30.10.2025 – L 8 AY 17/25 B ER (unveröffentlicht)

Kernaussage:
§ 1a AsylbLG ist sehr wahrscheinlich verfassungswidrig.

Anmerkung (RA Gerloff):
Die vollständige Streichung soziokultureller Bedarfe und Leistungen nach § 6 AsylbLG ist verfassungsrechtlich nicht haltbar.

Quelle: Newsletter 10/2025 – RA Volker Gerloff

5.4 – SG Freiburg, Beschluss vom 25.09.2025 – S 7 AY 1074/25

Thema:
Beiträge zur obligatorischen Anschlussversicherung als Bedarf nach § 6 AsylbLG.

Leitsätze:

  1. Beiträge können über § 6 AsylbLG übernommen werden, sind aber nicht von §§ 3, 3a AsylbLG umfasst.
  2. Übernahme nur bei bestehender oder offener Bleibeperspektive.
  3. Keine Übernahme bei Duldung nach § 60b AufenthG.

Quelle: www.sozialgerichtsbarkeit.de

6. Verschiedenes

6.1 – Newsletter RA Volker Gerloff – 10/2025

Thema:
Fortschreibung der Grundleistungen 2026, Überprüfungsanträge bis 31.12.2025, zahlreiche Hinweise und Urteile.

Quelle: https://www.ra-gerloff.de/newsletter/Newsletter-10-2025.pdf

6.2 – Studie: Bürgergeldbezieher beklagen mangelnde Jobcenter-Unterstützung

Langzeitarbeitslose suchen selten selbst nach Jobs; gesundheitliche Gründe dominieren.

Der Paritätische kritisiert den Fokus der Studie als irreführend.

Quelle: www.evangelisch.de

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Nicht veröffentlichte Urteile, Anmerkungen oder Urteilsbesprechungen dürfen nur mit Quellenangabe zitiert werden:

  •     Quelle: Tacheles Rechtsprechungsticker KW XX/2025 – Autor: Detlef Brock
  •     Für Newsletter: Thomé Newsletter 12/2025 vom 06.04.2025 – Autor: Harald Thomé
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Verfasser: Redakteur von Tacheles, Detlef Brock
Quelle: Tacheles-Rechtsprechungsticker