Rechtsprechungsticker von Tacheles KW 37/2012

1.  Entscheidungen der Landessozialgerichte zur Grundsicherung für Arbeitssuchende (SGB II)

1.1 – Landessozialgericht Berlin-Brandenburg, Beschluss vom 06.08.2012,- L 5 AS 1749/12 B ER

Der Leistungsausschluss nach § 7 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 SGB II ist europarechtskonform.

EFA Vorbehalt unterliegt keinen völkerrechtlichen Bedenken. Der Vorbehalt steht auch mit dem Verfassungsrecht im Einklang.

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1.2 – Landessozialgericht Berlin-Brandenburg, Beschluss vom 08.08.2012,- L 18 AS 424/12 B PKH –

Die abstrakte Feststellung der Erforderlichkeit des Umzugs kann mittels einer Zusicherung nicht getroffen werden (vgl BSG, Urteil vom 6. April 2011 – B 4 AS 5/10 R –).

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Diverse Gegenmeinungen u.a.: www.fluechtlingsinfo-berlin.de (pdf) und
www.tacheles-sozialhilfe.de.

1.3 – Landessozialgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 19.07.2012,- L 5 AS 575/09 –

§ 65 e Satz 2 SGB 2 beschränkt die Möglichkeit der Aufrechnung in der Vergangenheit überzahlter Sozialhilfeleistungen auf die ersten zwei Jahre der Leistungserbringung nach dem SGB 2.

Bei ununterbrochenem Leistungsbezug seit Inkrafttreten des SGB 2 durfte daher nach Ablauf des Jahres 2006 keine Aufrechnung mehr erfolgen.

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1.4 – Landessozialgericht Berlin-Brandenburg, Beschluss vom 05.07.2012,- L 29 AS 1244/12 B ER –

Spanischer Staatsbürger hat kein Anspruch auf ALG 2.

§ 7 Abs. 1 S. 2 Nr. 2 SGB II ist europarechtskonform. EFA Vorbehalt ist wirksam.

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Anmerkung:
LSG Berlin – Brandenburg, Beschluss v. 19. 05.2012,- L 19 AS 794/12 B ER –

Eine freizügigkeitsberechtigte Spanierin, die sich bereits länger als drei Monate zur Arbeitssuche in Deutschland aufhält, sind im vorläufigen Rechtsschutzverfahren Grundsicherungsleistungen nach SGB II zu erteilen. Der Ausschluss von den Leistungen gem. § 7 Abs. 1 Satz 2 SGB II gilt nicht für Staatsangehörige eines Vertragsstaats des Europäischen Fürsorgeabkommens (EFA).

Der von der Bundesregierung mit Wirkung zum 19. Dezember 2011 für Leistungen nach dem SGB II erklärte Vorbehalt gem. Art. 16 b) EFA gegen das EFA schließt den Bezug von Grundsicherungsleistungen in der vorliegenden Konstellation nicht wirksam aus.
www.asyl.net

1.5 – Landessozialgericht Berlin-Brandenburg, Beschluss vom 25.07.2012,- L 29 AS 1504/12 B ER –

§ 7 Abs. 1 S. 2 Nr. 2 SGB II ist europarechtskonform.

EFA Vorbehalt ist wirksam.

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Anmerkung:
Ständige Rechtsprechung des 29.Senats (vgl. Beschlüsse vom 4. Juni 2012, L 29 AS 652/12 B ER, 7. Juni 2012, L 29 AS 920/ 12 B ER und 12. Juni 2012, L 29 AS 1044/12, L 29 AS 914/12 B ER und 4. Juli 2012, L 29 AS 1244/12 B ER).

1.6 – Landessozialgericht Berlin-Brandenburg, Beschluss vom 02.08.2012,- L 5 AS 1297/12 B ER –

Griechischer Staatsbürger hat kein Anspruch auf ALG II.

Der Leistungsausschluss nach § 7 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 SGB II ist europarechtskonform.

EFA Vorbehalt unterliegt keinen völkerrechtlichen Bedenken. Der Vorbehalt steht auch mit dem Verfassungsrecht im Einklang.

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1.7 – Landessozialgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 19.07.2012,- L 5 AS 511/11 -, Revision zugelassen

Gegen den Leistungsausschluss nach § 7 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 SGB II bestehen keine europarechtlichen Bedenken.

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1.8 – Bayerisches Landessozialgericht, Beschluss vom 28.03.2012, – L 7 AS 131/12 B ER –

Ein Bezieher von Arbeitslosengeld II kann die Kosten für Verbandsmaterial, das zur Krankenbehandlung erforderlich ist, nur gegenüber seiner gesetzlichen Krankenkasse und im Rahmen von §§ 27 ff SGB V geltend machen, jedoch nicht als Mehrbedarf nach § 21 Abs. 6 SGB II.

www.gesetze-bayern.de


1.9 – Bayerisches Landessozialgericht, Urteil vom 27.06.2012, – L 16 AS 449/11 –

Die Familienangehörigen eines Ausländers, der Arbeitnehmer, Selbständiger oder aufgrund des § 2 Abs. 3 Freizügigkeitsgesetz/EU freizügigkeitsberechtigt ist, sind gemäß § 7 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 SGB II vom Leistungsausschluss für die ersten drei Monate ausgenommen. Der Leistungsausschlusstatbestand des § 7 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 SGB II ist nämlich offensichtlich falsch formuliert und europarechtskonform wie folgt auszulegen:

Ausgenommen sind
1. Ausländer, die weder in der Bundesrepublik Deutschland Arbeitnehmer oder Selbständige noch auf Grund des § 2 Abs. 3 des Freizügigkeitsgesetzes/EU freizügigkeitsberechtigt noch deren Familienangehörige sind, für die ersten drei Monate ihres Aufenthalts,?

2. Nach dem so verstandenen § 7 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 SGB II unterliegen im Erst-recht-Schluss die Familienangehörigen von deutschen Staatsangehörigen nicht dem Leistungsausschluss für die ersten drei Monate ihres Aufenthalts. Durch diesen Erst-recht-Schluss zugunsten der Betroffenen wird beim Familiennachzug der ausländischen Angehörigen eines deutschen Staatsangehörigen ein Konflikt mit den grundrechtlichen Schutzpflichten aus Art. 6 Abs. 1 und 4 GG sowie mit dem Grundrecht auf Gewährleistung des Existenzminimums aus Art. 1 Abs. 1 GG i. V. mit dem Sozialstaatsprinzip des Art. 20 Abs. 1 GG vermieden.

www.gesetze-bayern.de

Anmerkung:
Landessozialgericht Nordrhein-Westfalen, Urteil vom 12.01.2012, – L 19 AS 383/11 -, Revision anhängig beim BSG unter dem AZ.: – B 4 AS 37/12 R –

Kein Leistungsausschluss für Ausländer, die als Familienangehörige eines Deutschen oder eines Arbeitnehmers, eines Selbständigen oder eines auf Grund des § 2 Abs. 3 Freizügigkeitsgesetzes/EU (FreizügG/EU) Freizügigkeitsberechtigten diesem nachziehen.

1.10 – Bayerisches Landessozialgericht, Urteil vom 21.03.2012, – L 16 AS 789/10 –

Einkommen einer Gesellschaft, in der der Leistungsberechtigte – etwa als alleiniger Gesellschafter-Geschäftsführer – gesellschaftsrechtlich unabhängig vom Willen anderer über Entnahmen entscheiden kann, werden dem Leistungsberechtigten als eigenes Einkommen i. S. d. § 11 SGB II zugerechnet.

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1.11 – Landessozialgericht Sachsen-Anhalt, Beschluss vom 09.11.201, – L 5 AS 464/10 –

Kein Abzug der Kfz-Darlehensraten vom Erwerbseinkommen.

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2.   Entscheidungen der Sozialgerichte zur Grundsicherung für Arbeitssuchende (SGB II)

2.1 – Sozialgericht Trier, Beschluss vom 25.06.2012,- S 4 AS 239/12 ER –

1. Eine durch § 7 Absatz 3 Nr. 3 c SGB II begründete Bedarfsgemeinschaft endet nicht durch eine nur vorübergehende Untersuchungshaft.

2. Der Regelbedarf des § 20 Absatz 2 Satz 1 SGB II ist solange nicht zu gewähren, wie die Voraussetzungen des § 7 Absatz 3 Nr. 3c SGB II iVm § 20 Absatz IV SGB II noch vorliegen.

3. Der Mehrbedarf gemäß § 21 Absatz 3 SGB II ist zu gewähren, sobald tatsächlich die Pflege und Erziehung durch den inhaftierten Partner nicht mehr möglich ist.

www.mjv.rlp.de

2.2 – Sozialgericht Mainz, Beschluss vom 20.03.2012,- S 10 AS 178/12 ER –

1. Monatliche Leibrentenzahlungen können im Rahmen des § 22 Abs. 1 S. 1 SGB II als Unterkunftskosten zu übernehmen sein, wenn der Eigentumsübergang an dem Grundstück bereits erfolgt ist und eine Vermögensbildung bei den Hilfebedürftigen nicht eintritt (entgegen LSG NRW, Urteil vom 20.02.2008, S 12 AS 20/07).

2. Kosten für eine Gebäudeversicherung, Schornsteinfeger u. ä. sind bei Eigentümern eines Grundstücks im Rahmen der KdU in voller Höhe in den Monaten als Bedarf anzusetzen, in denen sie anfallen und nicht auf das Jahr gesehen mit einem monatlichen Teilbetrag anzusetzen (vgl. BSG, Urteil vom 24.02.2011, B 14 AS 61/10 R).

www.mjv.rlp.de

3.   Entscheidungen der Sozialgerichte zur Sozialhilfe (SGB XII)

3.1 – Sozialgericht Aachen, Urteil vom 03.07.2012,- S 20 SO 52/11 -,Berufung anhängig beim LSG NRW unter dem Az. L 20 SO 347/12.

Eine Laktoseintoleranz begründet keinen Mehrbedarf wegen kostenaufwändiger Ernährung.

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Anmerkung:
So auch (SG Detmold, Urteil vom 15.06.2010 – S 2 [6] SO 141/07; SG Karlsruhe, Urteil vom 31.03.2011 – S 4 AS 2616/09; LSG NRW, Beschluss vom 04.04.2011 – L 6 AS 2205/10 B ER und L 6 AS 2206/10 B).

4.   Der Schutz von Sozialleistungen bei der Kontopfändung

ein Aufsatz von Claus Richter, abgedruckt in der Info also Heft 04/2012

Autor des Rechtsprechungstickers: Willi 2 von Tacheles

Quelle: Tacheles-Rechtsprechungsticker, www.tacheles-sozialhilfe.de